"Winter" (Originaltitel: Zemestan)

Zemestan (Winter)
Dein Grüßen zu erwidern, scheut man sich,
gesenkt sind alle Köpfe.
Und niemand hebt zur Antwort mehr das Haupt,
man meidet seinen Freund.
Denn beißend ist der Frost.
Und kommt der Atem aus der warmen Brust,
wird er zur dunklen Wolke und
Steht einer Mauer gleich vor deinen Augen.
Wenn es schon so mit deinem eignen Atem steht,
Was siehst du nahen oder fernen Freunden ins Gesicht?
Mein Heiland ist ein edler Held? Ein feiger Heide ist's
im schmutzgen Hemd!
Solang die Kälte so kristallen klirrt - je nun! ...
Da laß - wohl sei dem Kopf und warm das Herz - die Gläser klingen!
Erwidre meinen Gruß und öffne deine Tür!
Ich bin es, ich, dein allnächtlicher Gast, ein trister Vagabund;
Ich bin es, ich: ich, der getretne Stein, die sieche Unperson;
Ich bin es, der gemeine Dreck der Kreatur, der falsche Ton,
Weder ein Weißer bin ich noch ein Schwarzer, farblos, blaß,
Komm, tu mir auf und laß den Heimwehkranken ein in dein Gelaß,
Du mein Gefährte! Mein Beschützer! Ich,
dein Gast seit Jahr und Tag,
steh an der Tür und zittere wie Espenlaub.
Es schlägt kein Hagel an dein Tor, es steht
auch nicht der Tod davor,
Wenn du ein Klopfen hörst, so ist' s ein
Zähneklappern in der Kälte nur.
Ich bin gekommen heute nacht, dir Rechenschaft zu legen
Und deine Rechnung neben meines Glases Schaft zu legen.
Was sagst du, es sei nicht der Augenblick,
es dämmre schon das Morgenrot herauf?
Du täuschst dich, dies ist nicht das Rot am Himmel
nach dem Morgengraun.
Mein Freund, die Kälte schlug mich auf das Ohr,
dies ist die Spur des
winterlichen Frosts.
Das schwache Öllämpchen am Firmament,
lebendig oder tot,
Nicht mal im rohen Sarg der Finsternis
verdeckt des Todes Tünche seinen Schein.
Mein Freund! Laß an der Lampe funkeln deinen Wein,
laß Tag und Nacht dasselbe sein!
Dein Grüßen zu erwidern, scheut man sich.
Die Luft ist trüb, die Türen sind verschlossen,
die Köpfe sind gesenkt, die Hünde sind verborgen,
Der Atem bildet Wolken, das Herz wird schwach und schwer,
Kristallskelette sind die Bäume, kahl und leer.
Tot ist die Erde und der Himmel tief und taub,
Sonne und Mond sind blaß, als schienen sie durch Staub.
Es ist Winter
Übersetzung von Kurt Scharf und Mehdi Schad, veröffentlicht in "Das Echo des Beginns", erschienen im Köln Mehr-Verlag 1994, S. 78-80.

"Zemestan" inspirierte den iranischen Regisseur Rafi Pitts zu seinem gleichnamigen Spielfilm "Zemestan - It's Winter" aus dem Jahre 2005.