60 Jahre DW Russisch: Von Störsendern zu Partnerschaften und zurück | Presse | DW | 01.08.2022
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PRESSE

60 Jahre DW Russisch: Von Störsendern zu Partnerschaften und zurück

Die Russisch-Redaktion der DW feiert ihr 60-jähriges Bestehen – während in Russland ihre Aktivitäten blockiert werden. Das gab es schon einmal während des Kalten Krieges.

Die Schließung des Büros in Russland, der Entzug der Akkreditierung von Mitarbeitenden, die Sperrung der DW-Webseite und der Status eines "ausländischen Agenten" im Februar und März 2022: Das Jubiläumsjahr von DW Russisch, begann mit einem Rollback in die Zeiten des Kalten Krieges. "Ohne unser Studio in Moskau ist die Arbeit für uns schwieriger geworden. Da lässt sich auch nichts schönreden. Aber wir haben unsere Mittel und Wege gefunden, um unseren Leser*innen, Zuschauer*innen und Hörer*innen in der Russischen Föderation weiterhin authentische Informationen aus ihrem Land und über ihr Land geben zu können", so Christian F. Trippe, Director of Programs for Russia, Ukraine and Eastern Europe.

60-jähriges Sprachjubiläum DW-Russisch

Christian F. Trippe, Director of Programs for Russia, Ukraine and Eastern Europe

Die Antwort der Redaktion auf die neue Situation: Die Eröffnung eines Exil-Studios in Riga unter der Leitung von Juri Rescheto und eine Ausweitung der Berichterstattung in russischer Sprache, beispielsweise mit den zwei neuen Podcasts DW Novosti Show und Geofaktor. Beide Formate werden über Online-Plattformen und über Mittelwelle verbreitet. Mit der Wiederaufnahme des 2011 eingestellten Hörfunk-Angebots auf Russisch kehrt die Redaktion in gewisser Weise zu ihren Wurzeln zurück.

Von der Kubakrise bis zum Krieg in der Ukraine

Die Arbeit unter den Bedingungen der Ost-West-Konfrontation ist den Journalist*innen der "Nemezkaja wolna" (Deutsche Welle), wie das Unternehmen jahrzehntelang auf Russisch hieß, nicht fremd.

Ein Jahr nach dem Start des Mauerbaus und kurz vor der Kuba-Krise im Herbst 1962 produzierte die DW in Köln erste Sendungen auf Russisch. Der jüngste Wendepunkt in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen, der durch die russische Invasion in der Ukraine am 24. Februar 2022 verursacht wurde, wird manchmal mit der Kubakrise verglichen.

60-jähriges Sprachjubiläum DW-Russisch

DW Russisch-Redaktion, 1978

In der Redaktion arbeiteten sowjetische Emigranten, die die Hörer*innen in ihrem Heimatland über das Leben in der Bundesrepublik Deutschland und die deutsche Sicht auf das Weltgeschehen informierten. Die DW war der erste westliche Radiosender, in dessen Programm 1974 Kapitel für Kapitel des in der UdSSR verbotenen Buchs "Der Archipel Gulag" von Alexander Solschenizyn vorgelesen wurde.

"Keine Emigranten, sondern Brückenbauer"

In der Sowjetunion wurden Radiosendungen der DW und anderer westlicher Medien gestört. Die Störsender, die bis in die späten 1980er Jahre eingesetzt wurden, konnten mit einem häufigen Wechsel der Frequenzen umgangen werden.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion stießen neue Mitarbeitende zur DW, das Programm wurde erweitert, kompakter und dynamischer und später durch den Ausbau des Internets multimedial. In der Russischen Föderation und anderen postsowjetischen Republiken kamen sukzessive Distributionspartner hinzu – regionale Radiosender, die Sendungen auf UKW übernahmen.

„Ich denke mit sehr guten nostalgischen Gefühlen an meine Arbeit bei der ‘Welle‘ in den 1990er- Jahren zurück. Die Redaktion veränderte sich rasant: Das Lesen von Texten vor dem Mikrofon wich Live-Berichten und Live-Übertragungen. Und aus dem neuen Russland kam eine Gruppe relativ junger Journalistinnen und Journalisten an“, sagt Wirtschaftsexperte Andrey Gurkov, einer der „Veteranen“ der Redaktion. „Wir fühlten uns überhaupt nicht als Emigranten, wir verstanden uns als Brückenbauer, die durch ausführliche Berichte über die laufenden epochalen politischen Veränderungen einen Beitrag zur Annäherung Russlands und des gesamten postsowjetischen Raums an Europa, an den Westen leisteten."

“Beispielhafte Reaktion der Redaktion auf journalistische Großlagen”

Mit Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine seien die Brücken, die die DW-Mitarbeitenden zu bauen versuchten, zusammengebrochen, so Gurkov. Seine Kollegin Anastasia Arinuschkina kam 2017 in die Redaktion und sagt: "In Deutschland sind wir sicher: Niemand kommt um sechs Uhr morgens mit einer Hausdurchsuchung zu mir. Man wird mich auch nicht ins Gefängnis werfen, nur weil ich den Krieg gegen die Ukraine Krieg nenne und nicht als 'spezielle militärische Operation' bezeichne, wie man das in Russland tun muss." Die Journalistin sieht sich dadurch in einer besonderen Verantwortung: "Da wir in einer so privilegierten Position sind und nach journalistischen Maßstäben arbeiten können, müssen wir dies noch stärker, besser und gründlicher tun."

Christian Trippe: "Die Blockade unserer Webseite in Russland hat nicht dazu geführt, dass wir an Reichweite verlieren. Im Gegenteil: Wir haben sogar Nutzende auf allen unseren russischsprachigen Plattformen hinzugewonnen. Kurzum: Der Versuch, uns mundtot machen zu wollen, hat keinen Erfolg. In Russland funktioniert diese technische Zensur ebenso wenig wie in anderen unfreien Ländern."

Die Nutzungszahlen unterstreichen das: Von Januar bis Juni 2022 konnte DW Russisch die Nutzung der Online-Angebote deutlich steigern, auf 125 Millionen Zugriffe über alle Plattformen pro Monat (in den sechs Monaten zuvor waren es 49 Millionen Zugriffe monatlich) – ein Zuwachs um über 250 Prozent. Allein auf Facebook kam DW Russisch im ersten Halbjahr 2022 auf über 34 Millionen Video-Views pro Monat, vor allem durch Nutzende in der Ukraine. Auf Youtube waren es MAI zufolge fast 48 Millionen Views monatlich, wobei der größte Anteil aus Russland kommt.

Angesichts der Bilanz von sechs Monaten Arbeit seit Kriegsbeginn ist Trippe optimistisch: "In meinen Augen ist beispielhaft, wie rasch und kompetent die gesamte Redaktion für Online, Video und Social Media auf journalistische Großlagen reagieren und die Programmangebote aus dem Stand heraus auszuweiten in der Lage ist. Das haben wir zuletzt am 24. Februar gezeigt.“ Seine Kernbotschaft zum 60-jährigen Bestehen der Redaktion: "Wenn es einen neuen, diesmal medialen und nicht eisernen Vorhang geben sollte, um Russland vom Rest des Kontinents abzuschotten: Wir wissen, wie diese Trennlinie mit freier Information überwunden werden kann."