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Die "Global Shapers" in Davos

22. Januar 2020

11.000 junge Menschen engagieren sich in einem Netzwerk, das vom Weltwirtschaftsforum gegründet wurde als "Global Shapers". Auch in Davos verschaffen sie sich Gehör, denn 52 von ihnen wurden offiziell eingeladen.

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Weltwirtschaftsforum 2020 in Davos | Ausblick über Davos
Bild: DW/M. Kasper-Claridge

Plötzlich weint er. Mein Gespräch mit Joseph Okello wird immer wieder unterbrochen, weil ihn die Erinnerungen überwältigen. Ich treffe den jungen Mann in Davos, beim Weltwirtschaftsforum, WEF. Wir sitzen in einem Plastikkubus, der auf eine Eisbahn gesetzt wurde. Okello trägt eine dick gefütterte Jacke, die er geschenkt bekommen hat. Dass er jetzt in der Schweiz ist, beim Weltwirtschaftsforum, kann er kaum begreifen.Der Kontrast zu seinem Leben ist zu groß.

Aus dem Flüchtlingslager zum WEF

Joseph Okello lebt im Flüchtlingslager Kakuma, im Norden Kenias. Eingerichtet wurde es 1992 für geflüchtete Kinder und Jugendliche aus dem Südsudan. Heute leben dort über 100.000 Menschen. Das Lager dürfen sie nur mit einer besonderen Erlaubnis verlassen. "Es gibt viel Hoffnungslosigkeit", sagt Joseph Okello leise "und wir sind eine Generation, die im Lager aufgewachsen ist".

Weltwirtschaftsforum 2020 in Davos | Joseph Okello
"Global Shaper" Joseph Okello - der sudanesische Flüchtling beim WEF 2020 in DavosBild: DW/M. Kasper-Claridge

Seine Mutter schickte ihn mit einer Tante auf die Flucht nach Kenia, nachdem sein Vater ihn halb totgeschlagen hatte. Der Junge war damals vier Jahre alt und blieb allein im Lager. "Es war wirklich schwer", erzählt er und weiß nicht mehr genau, wie er sich durchgeschlagen hat. Er arbeitete, schleppte Steine, fand immer wieder Unterstützung im Lager. Sein ganzer Besitz war eine Shorts, die er übers Jahr trug.

Lange kannte Joseph Okello noch nicht mal seinen Familiennamen, hatte überhaupt keinen Kontakt zu seiner Familie. Erst viele Jahre später, er war schon Teenager, wurde seine Identität geklärt. Dann erhielt er eine Nachricht von seiner Mutter und konnte es kaum fassen. "Wir waren drei Wochen zusammen", sagt er und seine Augen leuchten. Nur vier Monate nach diesem Treffen starb seine Mutter und Joseph Okello war wieder allein.

Treffen mit dem UN Flüchtlingskommissar

Jetzt ist er hier in Davos als Teil der "Global Shapers". Dieses weltweite Netzwerk junger Menschen wurde vom Weltwirtschaftsforum initiiert und wird weiter ausgebaut. Bereits in 155 Ländern gibt es diese Hubs, in denen sich jungen Menschen vor Ort engagieren. Gerade sind drei neue in Armenien, Algerien und Kolumbien entstanden. Über 11.000 junge Leute in der ganzen Welt gehören dazu, auch Joseph Okello.

In Kakuma engagiert er sich im "Global Shaper Hub" zusammen mit anderen Flüchtlingen. Sie produzieren eine Zeitung, Fotos und Filme. Wegen seines besonderen Engagements wurde er nach Davos eingeladen. Sein ungeklärter Aufenthaltsstatus war ein Problem aber das WEF erreichte schließlich, dass er ein Visum für die Schweiz bekam.

Joseph Okello wird den UN Flüchtlingskommissar treffen und auf einigen Diskussionsforen mit Wirtschaftsbossen und Regierungsvertretern sitzen. Er will viele Fragen stellen und Antworten einfordern. So wie die anderen 52 Global Shaper, die am diesjährigen WEF teilnehmen.

Schweiz Davos | Nita Shala ist Leiterin des Weltwirtschaftsforums "Global Shapers" in Tirana
Nina Shala (hier in einer Bahn in Davos) ist eine von jenen, "die auf den Westbalkan zurückgekehrt sind"Bild: Jun Lin

Junge Menschen brauchen Vorbilder

Nita Shala leitet den Hub in Tirana, Albanien. Die junge Rechtsanwältin hat in Oxford und weiteren Eliteuniversitäten studiert und den Doktortitel in Genf verliehen bekommen. In Tirana lehrt sie an der Universität. "Viele junge Leute haben keine Vorbilder, zu denen sie aufschauen können", betont sie und erzählt vom Frust junger Menschen in Albanien. Die Arbeitslosigkeit sei hoch und viele wollen das Land verlassen. Nita Shala nicht. Sie beschreibt sich als "jene, die auf den Westbalkan zurückgekehrt sind". 

Sie will an der weiteren Entwicklung Albaniens mitarbeiten, berät den Generalstaatsanwalt beim Kampf gegen die Korruption und engagiert sich mit anderen jungen Menschen vor Ort. Gerade haben die Shaper in Tirana dafür gesorgt, dass regelmäßig Sehtests für Kinder in Schulen durchgeführt werden. 5000 Kinder wurde bereits untersucht, 800 mussten danach eine Brille bekommen.

Das Projekt soll ausgeweitet werden. "Wir haben eine Partnerschaft mit der französischen Firma Essilor geschlossen", erzählt Nita Shala stolz. "Sie stellen die Brillen kostenlos zur Verfügung." Beim Weltwirtschaftsforum will sie auf die Lage in den Balkanländern aufmerksam machen. "Ich habe noch einen langen Weg vor mir", sagt sie und ist froh, dass sie in Davos die Stimme der Jugend auf dem Balkan vertreten kann.