1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Politik

Hilfswerk: Afghanistans Kinder hungern

11. August 2022

Ein Jahr nach Machtübernahme der Taliban erlebt Afghanistan die wohl schwerste humanitäre Katastrophe des Landes. Laut einem Bericht der Hilfsorganisation Save the Children leiden Kinder unter Armut und Depressionen.

https://p.dw.com/p/4FP6J
Afghanistan | Mangelernährung
Untersuchung eines Kindes mit Anzeichen von Mangelernährung im afghanischen Herat (Archivbild)Bild: Hector Retamal/AFP/Getty Images

Nach Angaben der Hilfsorganisation Save the Children können rund 97 Prozent der befragten Familien ihre Kinder nicht mehr ausreichend ernähren. Fast 80 Prozent der Kinder hätten angegeben, zuletzt hungrig ins Bett gegangen zu sein.

"Was in Afghanistan passiert, ist nicht nur eine humanitäre Krise, es ist eine Kinderrechtskatastrophe", erklärte der Länderdirektor von Save the Children in Afghanistan, Chris Nyamandi. Vor allem Mädchen litten unter der Situation. So gaben 45 Prozent der Mädchen an, nicht mehr zur Schule gehen zu können; bei den Jungen waren es rund 20 Prozent.

Neun von zehn Mädchen berichteten zudem, dass ihnen auf Grund von Mangelernährung die Energie zum Lernen, Spielen oder für ihre täglichen Aufgaben fehle. Um das finanzielle Auskommen der Familien zu sichern, komme es immer häufiger zu Frühverheiratungen, so die Umfrageergebnisse.

Situation hinterlässt seelische Spuren   

Auch psychische Folgen für die Kinder sind demnach bereits wahrnehmbar. So zeigten 26 Prozent der befragten Mädchen und 16 Prozent der Jungen Anzeichen von Depressionen; 27 Prozent der Mädchen und 18 Prozent der Jungen litten unter Angstzuständen.

Afghanistan | Bäckerei in Kabul spendet Brot
Eine Bäckerei in Kabul verteilt Brotspenden an hungernde Menschen Bild: Ali Khara/REUTERS

Die Lösung für diese Krise liege nicht allein in Afghanistan, sondern auch in den Händen der Staatengemeinschaft, betonte Nyamandi. "Wenn diese nicht sofort humanitäre Mittel bereitstellt und einen Weg findet, die Wirtschaft zu stützen und das Bankensystem zu beleben, werden noch mehr Mädchen und Jungen ihrer Kindheit beraubt."

Für den Bericht hat die Hilfsorganisation im Mai und Juni 2022 Daten und Berichte von Kindern und Betreuungspersonen aus rund 1450 Haushalten in Afghanistan eingeholt.

Vor knapp einem Jahr konnten die Taliban mit der Einnahme Kabuls wieder die Macht in Afghanistan übernehmen. Seitdem hat sich die Menschenrechtslage insbesondere für Mädchen nach Angaben internationaler Organisationen deutlich verschlechtert. Zudem haben viele Staaten - auch Deutschland - ihre wirtschaftliche Unterstützung für das Land teilweise ausgesetzt.

Offener Brief an US-Präsident Biden

Vor diesem Hintergrund haben dutzende Wirtschaftsexperten die US-Regierung aufgefordert, eingefrorene Milliarden der afghanischen Zentralbank freizugeben. Das Zurückhalten der sieben Milliarden Dollar (6,85 Milliarden Euro) verschlimmere die wirtschaftliche und humanitäre Krise in dem Land, erklärten die 71 Ökonomen und Entwicklungsexperten in einem am Mittwoch veröffentlichten Brief an US-Präsident Joe Biden und Finanzministerin Janet Yellen.

Joseph Stiglitz
Auch Nobelpreisträger Joseph Stiglitz appelliert an US-Regierung, afghanische Milliarden freizugeben (Archivbild)Bild: Raul Arboleda/AFP/Getty Images

Die Autoren des Briefes, unter ihnen Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und der frühere griechische Finanzminister Yanis Varoufakis, zeigten sich "zutiefst besorgt über die sich in Afghanistan entwickelnde wirtschaftliche und humanitäre Katastrophe und insbesondere die Rolle der US-Politik".

Ohne Zugang zu ihren Devisen könne die afghanische Zentralbank nicht ihre "normalen, grundlegenden Funktionen" ausüben. Und ohne funktionierende Zentralbank sei die afghanische Wirtschaft "erwartungsgemäß zusammengebrochen", so die Unterzeichner. Die Auslandsreserven der afghanischen Zentralbank spielten eine zentrale Rolle für die Wirtschaft des Landes - um das Geldangebot zu regulieren, die Währung zu stabilisieren und Importe, vor allem Lebensmittel und Öl, zu finanzieren.

bri/jj (kna, afp, dpa)