1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Homosexualität im Fußball: Frauen sind weiter

Thomas Gennoy
24. März 2021

Homosexualität ist in der Welt des Männerfußballs noch immer ein Tabuthema. Der Frauenfußball ist da viel weiter. Die Profis Nilla Fischer, Almuth Schult und Laura Freigang sprachen mit der DW über das Thema.

https://p.dw.com/p/3r06m
Schweden Nilla Fischer und Ehefrau Maria Michaela Fischer
Fußballprofi Nilla Fischer (l.) mit ihrer Ehefrau Maria Michaela FischerBild: Jesper Zerman/Bildbyran/imago images

"Ich glaube, ich war damals etwas naiv", sagt Nilla Fischer im Gespräch mit der DW und erinnert sich an ein Interview, das sie vor acht Jahren gegeben hat. Der Reporter habe sie damals gefragt, ob sie gerade in einer Beziehung sei. "Natürlich habe ich darüber nachgedacht, ob ich die Frage wahrheitsgemäß beantworte oder nicht. Aber dann dachte ich mir: Okay. Ich bin mit dieser Frau zusammen. Warum nicht?"

Plötzlich stieg das Interesse am Privatleben der Schwedin ganz plötzlich an und das Ausmaß überrumpelte sie. "Natürlich stand es dann in jedem Magazin, dass Nilla Fischer sich outet und mit einer Frau zusammenlebt", sagt sie. "Das ist auch der Punkt, an dem ich mir wünsche, dass wir ankommen: Dass es keine große Sache ist. Nicht diese ganze Coming-Out-Geschichte. Aber ich denke, es wird noch sehr viele Jahre dauern, bis wir das erreichen." 

Im Frauenfußball längst Normalität

Während Fischers Beziehung in der Presse ein großes Thema war, kam der Geschichte in ihrer Berufswelt keine große Bedeutung zu - weder in Schweden noch in Deutschland während ihrer Zeit beim VfL Wolfsburg von 2013 bis 2019. "Im Verein und in der Mannschaft ist es einfach, so zu sein, wie man ist. Ich bin bei jedem Verein, bei dem ich gespielt habe, sehr gut behandelt worden", sagt Fischer der DW. 

Während Homosexualität im Männerfußball nach wie vor ein Tabu ist, gehört dieses Thema bei den Frauen längst zum Alltag. "Im Frauenfußball ist das [offener Umgang mit Homosexualität; Anm. d.Red] völlig normal", sagt Fischers ehemalige Teamkollegin Almuth Schult. "Die Offenheit habe ich in meiner ganzen Karriere erlebt. Ich bin damit aufgewachsen, so wie viele andere Fußballerinnen auch. Wir haben da einen Vorteil, weil wir es gar nicht anders kennen", schildert die Torhüterin vom VfL Wolfsburg. 

Frauenfußball als Schimpfwort?

Angreiferin Laura Freigang erzielt in vier Länderspielen fünf Treffer
Angreiferin Laura Freigang erzielt in vier Länderspielen fünf TrefferBild: Alexander Hassenstein/Getty Images

Laura Freigang ist der gleichen Meinung: "Es ist bei uns im Frauenfußball, innerhalb der Mannschaft, aber auch innerhalb der Liga so, dass die Akzeptanz einfach riesig ist. Das ist kein Thema", sagt die Stürmerin von Eintracht Frankfurt. Mit Blick auf den Männerfußball nennen die drei Spielerinnen Begriffe wie "Männlichkeit" und "männlich" als eine der Ursachen für das anhaltende Schweigen zum Thema Homosexualität.

"Der Fußball ist bis jetzt immer so gewachsen, dass man dieses Männlichkeits-Attribut in den Vordergrund stellt, weswegen der weibliche Fußball auch eher als Schimpfwort genutzt wird", sagt Almuth Schult. "Es gibt den Gedanken, dass man nicht richtig Fußball spielen kann, wenn man schwul und nicht männlich genug ist." Schult gehörte zu den mehr als 800 Unterzeichner:innen eines offenen Briefes, der kürzlich vom Fußball-Magazin "11 Freunde" veröffentlicht wurde und in dem homosexuellen Spielern, die die Entscheidung treffen, sich zu outen, Unterstützung zugesagt wird. 

Regenbogenfarben als Bekenntnis

Laura Freigang ist Teil der deutschen Nationalmannschaft, die die Kampagne ebenfalls unterstützte. "Gerade im Männerfußball ist die Sexualität ein ziemliches Tabu-Thema. Im Frauenfußball ist es ein bisschen anders, deswegen denke ich, können wir auch zu dieser Aktion und mit unserer Meinung zum Diskurs beitragen. Deswegen finde ich es cool, dass aus den eigenen Reihen etwas gekommen ist an Unterstützung", sagt die 23-Jährige.

Während ihrer Zeit in Wolfsburg etablierte Nilla Fischer die aus ihrer Heimat Schweden bekannte Symbolik, eine Kapitänsbinde in Regenbogenfarben als Statement für Toleranz zu tragen. Die 36-Jährige, die nach ihrer Rückkehr nach Schweden zum FC Linköpings im Jahr 2019 die Armbinde nicht mehr trägt, war erfreut über die "11-Freunde-Kampagne" - allerdings nicht über das, was sie über den Zustand des Fußballs aussagt. "Es ist traurig, dass es etwas ist, das wahrscheinlich gebraucht wird, damit die Spieler das Gefühl haben, dass sie Unterstützung haben", sagt Fischer der DW. "Es ist wirklich eine gute Sache, dass sie es tun. Es ist nur schade, dass es irgendwie notwendig ist." 

Freigang: "Man kann niemanden zwingen"

Torhüterin Almuth Schult spielt seit 2013 für den VfL Wolfsburg
Torhüterin Almuth Schult spielt seit 2013 für den VfL WolfsburgBild: Mirko Kappes/ foto2press/picture-alliance

Die Schwedin hofft, dass der Männerfußball etwas von der offenen und toleranten Atmosphäre des Frauenfußballs lernen kann. Aber sie wisse, dass es schwierig sei, das einfach zu übertragen. "Ich habe keine Antwort. Aber ich denke, es ist wichtig zu versuchen, die jüngeren Spieler über gute Werte zu erziehen, wie man miteinander umgehen sollte", sagt Fischer. "Von uns könnten sie die Lektion lernen, dass es okay ist, so zu sein, wie man ist." 

Während Initiativen wie die Kampagne der "11 Freunde" dazu beitragen können, den Weg für offen homosexuelle Spieler zu bereiten und die Menschen im Fußball für das Thema Sexualität zu sensibilisieren, müsse trotzdem "jemand der Erste sein", sagt Laura Freigang. Sie sieht die Schaffung eines toleranten Klimas als eine kollektive Verantwortung an. "Man kann es ja niemandem aufzwingen. Und das will ich auch gar nicht. Die Frage ist, ob man nicht irgendwo anfangen kann, ob irgendjemand nicht den Mut haben wird, den ersten Schritt zu machen. Und ob man dann gucken kann, wie man die Person auffangen, wie man medial arbeiten, wie man die Person nach einem Outing unterstützen kann."

Für Nilla Fischer überwiegen die Vorteile des offenen Bekennens zur eigenen Sexualität ohnehin: "Es fühlt sich so viel besser an, so zu sein, wie man ist. Anstatt sich die ganze Zeit zu verstecken oder Angst oder Sorgen zu haben. Also ist es das am Ende total wert", sagt die 36-jährige Vorreiterin.  

Adaption: Jörg Strohschein