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Kunst

Warum sich Klimaschutz-Aktivisten an Kunstwerke kleben

Stuart Braun
29. August 2022

In ganz Europa kleben sich Menschen an berühmte Gemälde und Skulpturen, um Klimagerechtigkeit zu fordern. Für ihre Aktionen wählen sie nicht irgendwelche Kunstwerke aus.

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Eine junge Frau und ein Mann von "Ultima Generazione" haben sich an der Laokoon-Gruppe festgeklebt. Auf einem roten Banner steht: "Kein Gas, kein Öl".
Mitglieder von "Ultima Generazione" klebten sich an der Laokoon-Gruppe in den Vatikanischen Museen festBild: Last Generation

Am 1. Juli klebten sich britische Aktivistinnen und Aktivisten an den Rahmen von J.M.W. Turners Gemälde "Tomson's Aeolian Harp" aus dem Jahr 1809. Es zeigt die Themse umgeben von einer idyllischen Landschaft bei London . Bei der Aktion in der Manchester Art Gallery wurden unter anderem die Worte "No New Oil" auf den Boden gemalt. Die Gemälde und Skulpturen werden ausgewählt, weil sie "mit der Klimakrise selbst in Verbindung stehen", sagt Simon Bramwell, ein Aktivist, der Kunstaktionen der britischen Just Stop Oil Koalition mit organisiert, im DW-Interview. So soll es laut Klimaexperten bis 2030 an der Themse regelmäßig zu Überschwemmungen kommen.   

Klimaproteste ziehen ins Museum ein

Ob im Vereinigten Königreich, Italien oder Deutschland: An vielen Orten kleben sich derzeit Klimaaktivistinnen und -aktivisten mit Klebstoff in Museen an berühmten Kunstwerken fest. Damit fordern sie das Ende neuer Gas- und Ölförderprojekte. Weil Europa von beispiellosen Waldbränden und einer dramatischen Dürre heimgesucht wird, wollen die Aktivistinnen und Aktivisten das Ausmaß der Klimakrise und die Notwendigkeit, die Verbrennung von fossilem Gas und Öl zu beenden, mit ihren Protesten an die Öffentlichkeit bringen. Nach Aktionen, bei denen sie sich auf stark befahrenen Straßen festklebten, oder Blockaden von Kohlekraftwerken, ist ihr Kampf nun auch in die Museen eingezogen.

Die Kunst des Klimaprotestes

Im Juli hängten Mitglieder des italienischen Kollektivs Ultima Generazione (Letzte Generation) eine Kopie von Leonardo da Vincis "Das letzte Abendmahl" in der Royal Academy in London auf.

Das Gemälde sei eines der berühmtesten Werke der Kunstgeschichte, es repräsentiere westliche und religiöse Werte. Simon Bramwell sieht aber noch eine weitere Ebene in der dargestellten Szene. Er bringt sie in Zusammenhang mit der zunehmenden Unterernährung infolge von Klimawandel und Ernteausfällen. "Ganze Generationen von Menschen fürchten, dass ihr letztes Abendmahl bevorsteht", sagt er.

Klimaschützer haben sich am Rahmen von Leonardo da Vincis Abendmahl in London angeklebt.
"No New Oil" - Klimaprotest vor einer Ikone der Kunstgeschichte Bild: James Manning/PA Wire/empics/picture alliance

Eine ähnliche symbolische Wahl sieht Bramwell in der antiken Statue des Priesters "Laokoon" in den Vatikanischen Museen in Rom. Zwei Mitglieder von Ultima Generazione hatten sich Mitte August an ihr festgeklebt. Laokoon, Priester des Apollon, warnte der Sage nach die Bewohner von Troja davor, das hölzerne Pferd in die Stadt zu ziehen. In seinem Innern befanden sich griechische Krieger, die das Stadttor öffneten und so zur Niederlage Trojas beitrugen. Die unheilvollen Prophezeiungen Laokoons wurden nicht erhört - so wie die Warnungen der Klimaforschung heute. "Diese Figurengruppe des Laokoon erinnert an die traurige Geschichte des griechischen Priesters, der versuchte, nicht nur sich selbst, sondern alle Bürger Trojas zu retten", sagt Laura, eine Aktivistin von Ultima Generazione. Ziel ihrer Aktionen sei es, "unsere Regierung zu beeinflussen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, um den Klimawandel abzuschwächen."

Kunstaktionen haben eine lange Tradition

Die Klimaaktivisten setzen mit ihren Protesten eine lange Tradition fort. Bramwell verweist etwa auf den Kunstvandalismus einer britischen Suffragette, die 1914 in London ein Porträt des Philosophen Thomas Carlyle mit einem Fleischerbeil zerschlug - für ihre Tat wurde sie ins Gefängnis geworfen.

Zwei Klimaaktivisten haben sich an einem Gemälde von Constable festgeklebt.
Klimaprotest trifft auf Constables Gemälde "The Hay Wain"Bild: CARLOS JASSO/AFP

Der chinesische Künstler Ai Weiwei zertrümmerte 1995 eine wertvolle Vase der Han Dynastie. "Dropping a Han Dynasty Urn" ist ein fotografisches Triptychon, das den vandalischen Akt festhält. Ai Weiwei nimmt das 2000 Jahre alte kulturelle Gefäß und lässt es auf den Boden fallen. Ai kritisierte damit nicht nur das moderne China, sondern schuf auch sein bis heute berühmtestes Werk.

Die Aktivistinnen und Aktivisten von Just Stop Oil betonen, dass sie die Kunstwelt nicht beschmutzen wollen, sondern im Gegenteil "viel Respekt und Liebe" für sie haben. "Wir zertrümmern keine Gemälde, wie es die Suffragetten getan haben", so Bramwell. Ihre "dissidenten" und "ikonoklastischen" Aktionen seien sehr sorgfältig geplant, sodass die Kunstwerke so wenig Schaden wie möglich dabei nehmen. Auch diese Aktion im Juli bereitete Just Stop Oil minutiös vor. Die Mitglieder warfen über John Constables Gemälde "The Hay Wain" (1821) einen Farbausdruck, der eine asphaltierte Straße, tote Bäume, Fabrikschornsteine und Flugzeuge statt der ursprünglichen idyllischen Flusslandschaft zeigt. Ein Kunstrestaurator hatte der Gruppe vorher versichert, dass Constables Gemälde über genug Farbschichten verfüge, um dem Klebstoff standzuhalten. Allerdings nahm es trotzdem leicht Schaden. "Der Rahmen des Gemäldes wurde leicht beschädigt, und auch die Oberfläche des Lacks auf dem Gemälde wurde in Mitleidenschaft gezogen - beides wurde inzwischen erfolgreich behoben", erklärte eine Sprecherin der Galerie gegenüber der Museums Association in Großbritannien.

Bevor eine Aktivistin und ein Aktivist sich am 22. Juli in den Uffizien von Florenz ihre Hände an der Panzerscheibe des Meisterwerks "Primavera" von Sandro Botticelli fixierten, tauschten sie sich mit Experten über einen geeigneten Klebstoff aus. "Wir wollen die Kunst wertschätzen und sie nicht beschädigen, wie es unsere Regierungen mit dem einzigen Planeten tun", teilte die Gruppe in einer Erklärung mit.

Schäden an Rahmen von Rubens-Kunstwerk

Und dennoch können Schäden entstehen, wie gerade in München geschehen. Bei einer Aktion von Klimaktivsten in der Alten Pinakothek wurde nach Museumangaben der historische Rahmen eines Rubens-Werkes beschädigt. "Es ist nicht legitim, einmalige kulturelle Menschheitszeugnisse zu beschädigen, um auf die faktisch gegebenen klimatischen Probleme hinzuweisen", sagte der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Bernhard Maaz.

Zwei Aktivisten der Bewegung "Letzte Generation" hatten sich demnach am Rahmen des Gemäldes "Der bethlehemitische Kindermord" von Peter Paul Rubens aus dem 17. Jahrhundert festgeklebt. Mit Lösungsmittel wurden sie von dem historisch vergoldeten Rahmen getrennt, der dabei beschädigt wurde.

Bramwell: "Kulturinstitutionen müssen zu Erziehern werden"

Die Klimaaktivistinnen und -aktivisten von "Letzte Generation" in Deutschland haben in den letzten Wochen verschiedene Aktionen im Museum durchgeführt. Im Städel Museum in Frankfurt klebten sie sich etwa mit ihren Händen an das Gemälde "Gewitterlandschaft mit Pyramus und Thisbe" von Nicolas Poussin.

"So sehr ich die Verzweiflung der Klimaaktivisten verstehen kann, so klar sage ich, dass die Aktion, sich an Rahmen berühmter Kunstwerke zu kleben, eindeutig der falsche Weg ist", sagte Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. Seiner Meinung nach sei das Risiko, die Kunstwerke zu beschädigen, zu hoch. "Die Werke gehören zum Weltkulturerbe und müssen ebenso geschützt werden wie unser Klima", sagte er. Simon Bramwell von Just Stop Oil, Mitbegründer der Klima-Aktivisten-Bewegung Extinction Rebellion, forderte, dass sich endlich auch die Kunstwelt für den Klimaschutz einsetzt.

Letzte Generation-Aktivisten in weißen T-Shirts kleben an "Gewitterlandschaft mit Pyramus und Thisbe" von Nicolas Poussin
Letzte-Generation-Aktivisten kleben an "Gewitterlandschaft mit Pyramus und Thisbe" von Nicolas PoussinBild: None

Während internationale Kunstinstitutionen wie die Londoner Tate Gallery und das Van Gogh Museum in Amsterdam in den vergangenen Jahren Sponsoring von fossilen Brennstoff-Unternehmen wie BP und Shell abgelehnt haben, fordert Just Stop Oil noch weitergehende Verpflichtungen: die vollständige Schließung der Museen, bis die Regierungen versprechen, Projekte für fossile Brennstoffe zu beenden. "Kunstinstitutionen müssen zu Erziehern im Raum werden", fordert Bramwell.

Adaption aus dem Englischen: Sabine Oelze

Dieser Artikel wurde am 29.08.2022 aufgrund der Ereignisse in München aktualisiert.

DW Autor l Kommentatorenfoto Stuart Braun
Stuart Braun Australischer DW-Journalist und Buchautor.