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PolitikEuropa

Der Ukraine-Krieg ist als Cyberkrieg ohne Vorbild

4. März 2022

Hacker aus aller Welt haben sich in den Ukraine-Krieg eingeschaltet und wollen mit ihren Mitteln Russland bekämpfen. Das ist ein Novum - und niemand kann die Konsequenzen absehen, meint Janosch Delcker.

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Symbolbild zum Thema Cyber-Operationen während des Ukraine-Russland-Konflikts: Großer Screen mit 0101-Zahlenfolgen, Laptop-Screen in den russischen Nationafarben
Pro-ukrainische Cyber-Guerillas haben die Websites der russischen Regierung und Unternehmen angegriffenBild: Kacper Pempel/REUTERS

Am dritten Tag nach der russischen Invasion in der Ukraine rief der ukrainische Digitalisierungs-Minister auf Twitter zu den Waffen. Doch Mykhailo Fedorov forderte seine Follower nicht auf, zu Gewehren zu greifen. Stattdessen appellierte er an die Menschen in aller Welt, sein Land im Cyberspace zu verteidigen.

"Wir schaffen eine IT-Armee", schrieb Fedorov auf Englisch. Er fügte einen Link zu einem zweisprachigen Kanal auf dem Messenger-Dienst Telegram hinzu, auf dem potenzielle Ziele mit Verbindungen zu Russland veröffentlicht werden.

Damit hat meines Wissens zum ersten Mal eine Regierung im Krieg Freiwillige weltweit offen dazu aufgerufen, ihren Feind im Cyberspace anzugreifen.

Seitdem sind Hacktivisten, darunter das Kollektiv Anonymous, Fedorows Aufruf gefolgt und haben Angriffe gegen die Websites der russischen Regierung sowie von Unternehmen und Banken in ganz Russland gestartet.

Es ist schwer zu sagen, welche Auswirkung diese Angriffe haben. Bislang scheint sie eher begrenzt. Aber vielleicht haben wir bis jetzt auch nur einen Eindruck davon bekommen, was noch kommen wird: Pro-ukrainische Cyber-Guerillas haben beispielsweise der Nachrichtenagentur Reuters gesagt, sie planten, Teile der kritischen Infrastruktur Russlands wie etwa das Stromnetz lahm zu legen.

Kein Präzedenzfall

Solch avancierte Angriffe erfordern lange Vorbereitung und viel Ressourcen. Ob die Hacktivisten das stemmen können, bleibt unklar - wie so vieles: Für Kiews Vorstoß, Teile seiner Cyberverteidigung zu "crowdsourcen", gibt es keinen Präzedenzfall. Wir befinden uns, um einen Ausdruck der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel zu bemühen, im Neuland.

Kommentarbild Janosch Delcker
DW Chief Technology Correspondent Janosch DelckerBild: Privat

Einige Experten hoffen, dass die Aktivität der Cyber-Guerillas dabei helfen könnte, Chaos in Russland zu stiften, während sich die Ukraine gegen die Invasion des Landes verteidigt. Andere warnen, solche Angriffe könnten ungewollt strategische Operationen der offiziellen ukrainischen Cyber-Behörden oder westlicher Geheimdienste sabotieren. Beide könnten Recht behalten.

Gleichzeitig ist es unwahrscheinlich, dass Moskau den Angriffen tatenlos zusehen wird. Das Land hat über die vergangenen 15 Jahre einige der fortschrittlichsten Cyber-Fähigkeiten der Welt aufgebaut - und bereits eingesetzt: Im Jahr 2015 drangen mutmaßlich russische Hacker in das Computersystem der ukrainischen Stromversorger ein und verursachten Stromausfälle im Westen des Landes, die mehr als 220.000 Menschen trafen. Zwei Jahre später wurde auf Computern in der Ukraine Schadsoftware entdeckt, die mit höchster Wahrscheinlichkeit aus Russland stammte, sich anschließend weltweit verbreitete und dabei einen Milliardenschaden bei Unternehmen verursachte (die russische Regierung hat allerdings bestritten, daran beteiligt gewesen zu sein).

Nicht die einzige Waffe im Informationskrieg

Während der ersten Woche des Ukraine-Krieges haben wir noch keine Angriffe von vergleichbarem Ausmaß beobachtet; zumindest keine, die öffentlich bekannt geworden sind. Aber das kann sich jeden Moment ändern. Gleichzeitig ist Hacking nicht die einzige Waffe, die Länder in Informationskriegen einsetzen.

Ein weiteres mächtiges Instrument ist die gezielte Verbreitung irreführender oder falscher Informationen, um so die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Experten haben bereits mehrere solche Online-Kampagnen identifiziert, die falsche Narrative über Russlands Gründe für die Invasion der Ukraine streuen sollen. Viele gehen davon aus, dass Moskau seine Desinformations-Bemühungen noch weiter verstärken wird.

Als Journalist gibt man seinen Lesern am Ende eines Artikels gerne einen Ausblick auf das, was sie als Nächstes erwartet. Aber die einzige ehrliche Einschätzung, die ich zu diesem Zeitpunkt geben kann, lautet: Wir wissen es nicht.

Kommentarbild Janosch Delcker
Janosch Delcker Chefkorrespondent für Technologie