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Wie Kindesmissbrauch bekämpft werden kann

28. Juni 2022

Die Täter: Babysitter, Väter oder Bekannte. In Deutschland erleiden mindestens 49 Kinder pro Tag sexualisierte Gewalt, Dunkelziffer unbekannt. Was muss geschehen?

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leicht unscharfer Blick auf zwei Kinderwagen, die jeweils von einem laufenden Mann geschoben werden, im vorderen Kinderwagen sitzt ein kleines Kind
Kein Einzelfall: Missbrauchstäter haben sich als Babysitter das Vertrauen von Eltern erschlichen und Kinder gequält Bild: Radek Mica/AFP/Getty Images

Das ganze Ausmaß ist noch nicht bekannt, wohl aber dies: Erst einen Monat alt war das jüngste von mindestens 12 Kindern, die ein heute 44-jähriger Mann aus Wermelskirchen bei Köln teils jahrelang als Babysitter mit sexualisierter Gewalt quälte. Die Polizei konnte ihn am Rechner überrumpeln und festnehmen. Mit mehr als 70 weiteren Tatverdächtigen in ganz Deutschland tauschte er im Internet Fotos und Videos aus von Missbrauchstaten an Babys, Kleinkindern und Kindern mit Behinderungen.

"So etwas habe ich mir nicht vorstellen können", sagte der Kölner Polizeipräsident Falk Schnabel. "Ein solches Ausmaß an menschenverachtender Brutalität und gefühlloser Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid von kleinen Kindern, ihren Schmerzen und ihrem Schreien und ihrer offensichtlichen Angst ist mir noch nicht begegnet."

Die Ermittlungen zu möglichen weiteren Verdächtigen und betroffenen Kindern dauern auch Monate nach der Festnahme noch an, sagt Oberstaatsanwalt Markus Hartmann der DW. Bei der sichergestellten Datenmenge von mehr als 30 Terabyte, würden die Ermittler "geradezu täglich mit neuen Erkenntnissen konfrontiert".

Missbrauchsbeauftragte: Gewalt beweisen, Kinder befreien

Wermelskirchen ist der jüngste Fall in einer Serie von großen Missbrauchskomplexen mit vielen Tätern und Opfern, die im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW) aufgedeckt wurden. NRW setzt seit den ersten Fällen mehr Personal und Technik zur Aufklärung ein. Sehen wir eine neue Dimension der Gewalt gegen Kinder?

Kerstin Claus, Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, sagt der DW: "Wermelskirchen steht dafür, dass über die Verbreitung digitaler Medien Gewalttaten monströsester Art sichtbar werden, die es auch vorher schon gab."

Porträt einer Frau mit kurzen blonden Haaren in einem grünen Jacket, die schräg nach vorne schaut und lächelt
Kerstin Claus ist seit April die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM)Bild: UBSKM/Christine Fenzl

Gewalt gegen kleinste Kinder habe schon vor den Foren im Darknet existiert. Der Unterschied: "Heute können wir die Gewalt beweisen." Neue Fotos und Filme von Missbrauchstaten im Netz müssten schnell erkannt werden, um die Kinder ausfindig zu machen und zu befreien.

Taskforce gegen sexualisierte Gewalt im Netz

Kinder und Täter so schnell wie möglich finden, daran arbeitet eine spezialisierte Taskforce bei ZAC NRW in Köln, der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime Nordrhein-Westfalen, die Oberstaatsanwalt Markus Hartmann leitet. Er verweist auf viele Ermittlungserfolge. Seit Juli 2020 wurden mehr als 9300 Ermittlungsverfahren gegen knapp 9900 Beschuldigte eingeleitet.

Eine Frau mit blonden Haaren sitzt mit dem Rücken zum Betrachter vor zwei Monitoren: links ist die Aufschrift Hinweistelefon zu erkennen, rechts viele kleine verpixelte Bilder, mutmasslich von Missbrauchsdarstellungen
Polizei und Staatsanwaltschaften sind beim Kampf gegen sexualisierte Gewalt darauf angewiesen, dass sie Hinweise erhalten, von Providern und aus der BevölkerungBild: Rolf Vennenbernd/picture alliance/dpa

Die meisten Hinweise auf sexualisierte Gewalt im Netz kommen vom US-amerikanischen NCMEC (National Center for Missing and Exploited Children). Im Austausch mit dem Landeskriminalamt und örtlichen Staatsanwaltschaften klärt die Taskforce, welche Strafverfolgungsmaßnahmen sofort durchzuführen sind. Bei Hinweisen auf noch laufenden Missbrauch handle man "innerhalb weniger Stunden", sagt Hartmann.

Ermittlungen gegen Missbrauchstäter dürfen nicht scheitern

In der polizeilichen Statistik steigen seit Jahren die entdeckten Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs. BKA-Präsident Holger Münch spricht von 49 am Tag.

Kinder erlebten den Missbrauch aber nicht nur an einem Tag, dem sie statistisch zugeordnet werden, betont die Missbrauchsbeauftragte. Sie seien "ihren Peinigern oft über Monate und Jahre ausgeliefert", häufig in der eigenen Familie oder im direkten Umfeld.

Wie groß ist das Dunkelfeld? Sicher um ein Vielfaches größer als in der Statistik, sagt Kerstin Claus. Dass man diese Frage noch nicht beantworten könne, sei ein Skandal.

Der Betroffenenrat schreibt in einer Stellungnahme zur Polizei-Statistik, sexualisierte Gewalt bleibe "für Täter*innen leider immer noch eines der sichersten Verbrechen". Zwei Drittel der Ermittlungsverfahren würden eingestellt. Das müsse sich ändern.

Oberstaatsanwalt Markus Hartmann sieht dieses Problem vor allem bei Taten ohne Internet-Bezug, wo das Wort des Opfers gegen das Wort des Täters steht. Beim Kampf gegen Kindesmissbrauch mit Internet-Bezug gebe es oft eine sehr eindeutige Beweislage, die in der Regel für eine Anklage reiche. Der Festgenommene aus Wermelskirchen etwa dokumentierte die Taten in detaillierten Listen.

Voraussetzung ist allerdings, dass es gelingt, Täter schnell zu identifizieren. Hinweise kommen oft mit Zeitverzögerung bei den Ermittlern an, sagt Hartmann. Einige könne man nicht mehr verfolgen, weil die Zuordnung der IP-Adresse bei Providern schon nach einer Woche gelöscht werde, "ein Hemmnis für erfolgreiche Ermittlungen". Innenministerin Nancy Faeser hat angekündigt, sich für eine Verlängerung der Speicherung der IP-Adressen einzusetzen.

Künstliche Intelligenz (KI) und mehr Personal

Mehr als 30 Terabyte Daten wurden in Wermelskirchen sichergestellt. Ein Terabyte, sagte einer der Ermittler, entspreche einem Papierstapel von 25 Kilometern Höhe. Seit Jahren steigen die Zahlen der erkannten Missbrauchsabbildungen in solchen Sammlungen - juristisch Kinderpornografie genannt.

ZAC NRW setzt zur Unterstützung der Ermittler Künstliche Intelligenz (KI) ein. Zu über 90 Prozent würden kinderpornografische Bilder korrekt erkannt, sagt Hartmann. Ermittler könnten automatisiert einen schnellen Überblick über große Datenmengen gewinnen: "Gibt es irgendwo noch ein Kind, das derzeit missbraucht wird?"

Am Ende müssten aber Menschen Bilder und Videos sowie den Tatverdacht beurteilen, es werde keinen "Robo-Judge" geben, sagt Oberstaatsanwalt Hartmann. Er plädiert ebenso wie Missbrauchsbeauftragte Kerstin Claus für mehr Personal und technische Ausstattung in den Ermittlungsbehörden, um Kindesmissbrauch immer wirksamer zu bekämpfen.

Porträt eines Manns mit braunen Haaren und Brille in einem dunklen Jacket, der mit leichtem Lächeln in die Kamera blickt
Oberstaatsanwalt Markus Hartmann leitet die Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime in Nordrhein-Westfalen - ZAC NRWBild: ZAC NRW

Mehr Vernetzung gegen Missbrauchstäter in Europa

Europa gilt als Drehscheibe für die Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen. Kerstin Claus begrüßt die Pläne der Europäischen Kommission für ein EU-Zentrum, das die nationalen Strafverfolgungsbehörden ergänzen und stärken soll - und Betroffene unterstützen bei ihrem Recht auf Löschung von Missbrauchsdarstellungen.

Auch Markus Hartmann wünscht sich mehr internationale Kooperation und Rechtshilfe. Die Foren der Täter im Netz seien nicht nur deutsch, französisch oder italienisch, sondern international aufgestellt. Schon jetzt gebe es sehr gute Ergebnisse mit gleich gut spezialisierten Partnerbehörden etwa im Baltikum: "Dann ist Zusammenarbeit über europäische Grenzen schneller als über Bundesländer-Grenzen."

Bewusstsein ändern: Alle kennen Betroffene und Täter

Früher habe man Betroffenen sexuellen Missbrauchs nicht geglaubt, sagt Kerstin Claus. Heute seien die Taten sichtbarer geworden, doch immer noch wollten viele nicht wahrhaben, dass es Kinder im eigenen Umfeld betrifft.

"Das muss sich im gesellschaftlichen Bewusstsein grundlegend ändern", fordert Claus: "Wir alle kennen Betroffene, also kennen wir auch Täter." Man geht davon aus, dass in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder von Missbrauch betroffen sind.

Blick von oben auf einen Mann und ein Kind, die auf dem Boden sitzen und sich gemeinsam über ein Puzzle beugen
Die meisten Menschen können oder wollen sich nicht vorstellen, dass Kindesmissbrauch in ihrer direkten Umgebung vorkommtBild: Janine Schmitz/photothek/picture alliance

"Wir brauchen ein Bewusstsein dafür, dass sexualisierte Gewalt - je früher, je schlimmer und je länger die Folgen -, die ultimative Katastrophe für die kindliche Entwicklung ist", sagt der Psychoanalytiker Matthias Franz der DW.

Betroffene brauchen Therapien, oft über viele Jahre. Es gebe nicht genug Hilfen und Begleitung, stellt die Missbrauchsbeauftragte fest, "weil die Ressourcen dafür nicht zur Verfügung gestellt werden oder mühsam über Spenden erbettelt werden müssen in manchen Bundesländern". Sie mahnt: "Das Trauma hört nicht auf, nur weil die Taten aufhören."

Viel mehr Forschung - auch über Täter

Wie kann man kleinen Kinder so etwas antun? Die Täter gelten meist als unauffällig. Psychoanalytiker Franz spricht von empathiegestörten Menschen mit Macht über Schwächere, die kleine Kinder in sexualisierter Gewalt quälen: "Es verschafft manchen Menschen große Lust und ein rauschhaftes Allmachtsgefühl, alle ethischen Grenzen hinter sich zu lassen."

Die Entgrenzung des Internets wirke wie ein Brandbeschleuniger: Täter bestärkten sich gegenseitig, als seien ihre brutalen Handlungen legitim. Empathie für andere entwickle sich in der Regel bis zum sechsten Lebensjahr: "Viele Täter haben als Kind keine Empathie erfahren. Wir brauchen dazu dringend mehr Forschung: Was ist mit diesen Menschen los? Wie sind sie so geworden? Ist das therapierbar?"

Prävention: Kinder online schützen

Markus Hartmann sagt, mit Strafverfolgung allein könne man sexualisierte Gewalt gegen Kinder nicht bewältigen. ZAC NRW führe zusätzlich Aktionstage durch, um potentiellen Tätern zu zeigen, dass ein reales Risiko der Entdeckung besteht. Die Ermittler haben zur Bekämpfung von Grooming - Kontakten zu Kindern, um Missbrauch anzubahnen - Schulungs- und Unterrichtsmaterialien erstellt.

Blick in einen Klassenraum, im Hintergrund steht die Lehrerin vor der Tafel und hebt einen Arm, vor ihr stehen Kinder, die sie ansehen und ebenfalls ihre Arme heben
Ein bis zwei Kinder pro Schulklasse sind von sexuellem Missbrauch betroffen, so wird geschätztBild: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa/picture alliance

Neben der Aufklärung von Kindern, Lehrern und Eltern fordert Kerstin Claus verbindliche Schutzregeln für den digitalen Raum, in dem sich Kinder weitgehend allein bewegen: schützende Voreinstellungen, niedrigschwellige Hilfsangebote, Altersbeschränkungen oder eine kontrollierende Moderation.

Um das Dunkelfeld besser zu ergründen, brauche man regelmäßige Befragungen junger Menschen dazu, ob und wie sie Missbrauch erfahren haben - verbunden mit Schutzkonzepten.

Im Herbst soll eine Kampagne zur Aufklärung und Sensibilisierung starten. Jeder solle genau wissen - wie beim Feueralarm, erklärt Claus, wo er Hilfe findet, um Kinder vor Missbrauch zu schützen: "Ich schaue nicht hin, wenn ich nicht weiß, was ich dagegen tun könnte."

Dieser Artikel wurde aktualisiert.