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Sammeln als Leidenschaft

Annabelle Steffes19. Januar 2014

Vor knapp 100 Jahren glichen Expeditionen fast Beutezügen. Die zusammengetragenen Objekte füllten ganze Völkerkundemuseen. Heute müssen sich die Kuratoren mit den Riesensammlungen auseinandersetzen.

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Waffensammlung im Weltkulturen Museum in Frankfurt (Foto: DW/A. Steffes)
Bild: DW/A. Steffes

Die Faszination für "andere" Kulturen und Völker war Anfang des 20. Jahrhunderts ein Massenphänomen. Sogenannte Völkerschauen lockten Millionen von Besuchern und auch ethnologische Museen waren sehr beliebt. Ob Fotografien, Schmuck oder Kunstobjekte - etliche Artefakte aus Übersee wurden dort gesammelt, katalogisiert und ausgestellt.

Mit einzelnen Exemplaren gaben sich die Ethnologen und Expeditionsteilnehmer von einst nicht zufrieden. Manchmal brachten sie bis zu 4000 Objekte von einer einzigen Expedition mit. Masken, Figuren und Alltagsgegenständen jeglicher Art - je mehr, desto besser.

Belgischer Kolonialbeamter vergleicht sich mit einem unbekannten Mann, 1930 (Foto: Anthropos Institut, St. Augustin)
Teil der Ausstellung: Fotografie von einem belgischen Kolonialbeamten, der sich mit einem unbekannten Mann vergleicht - von 1930Bild: Anthropos Institut, St. Augustin

Mit der Ausstellung "Ware & Wissen" zeigt das Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main fast ein Jahr lang, wie fasziniert unter anderem auch sein Gründer Bernhard von Hagen von dem "Fremden" war. Als Tropenarzt arbeitete er in Sumatra und nutze die Gelegenheit, um Typenfotografien zu machen. Ihn interessierte besonders, was seiner Meinung nach vom europäischen Körperbau abwich.

Der Mensch als Ware

"Wir zeigen Fotografien, die vorher noch nie zu sehen waren, weil sie eine sehr schwierige Art der Menschendarstellung sind", sagt die Afrika-Kustodin am Museum, Yvette Mutumba über von Hagens Fotos. Seine seriellen Aufnahmen von männlichen Geschlechtsteilen sind ähnlich befremdlich wie seine "anthropometrischen Datenblätter" mit Menschen in Vorder-, Rücken- und Seitenansicht, die er sorgfältig vermessen hat. Es sei dennoch notwendig sie zu zeigen, betont Yvette Mutumba. Sie verdeutlichten, wie der Mensch in ein Objekt verwandelt wird. Ob zu Forschungszwecken oder als Arbeitskraft, die Fotos präsentierten den Menschen als Ware.

Aufreihung der auf einer Expedition gesammelten Objekte im Neckermann-Haus am Danziger Platz am Ostbahnhof in Frankfurt , 1961 (Foto: Gisela Simrock, Sammlung Weltkulturen Museum)
Aufreihung der auf einer Expedition gesammelten ObjekteBild: Gisela Simrock/Sammlung Weltkulturen Museum

Die Sammelleidenschaft der Ethnologen führte indes zu einem ganz anderen, rein pragmatischen Problem: Wie bewahrt man diese Masse an Gegenständen überhaupt auf? Um dies zu demonstrieren, wurde aus dem Archiv ein Lagersystem für über 2000 afrikanische Waffen in einen Ausstellungsraum verlegt (Artikelbild). Diese Dolche, Wurfmesser und Speere machen einen großen Teil der ethnografischen Sammlung aus und spiegeln die Faszination der damals meist männlichen Expeditionsteilnehmer wider. "Es war damals ganz normal, dass man diese Waffen mitgenommen hat und gar nicht darüber nachgedacht hat, inwieweit das illegal sein könnte", erklärt Mutumba.

Impulse von außen

Mit der Ausstellung verfolgt Museumsleiterin Clémentine Deliss ein konkretes Ziel: Ethnologische Museen müssten Impulse von außen zulassen. Ihre Aufgabe bestünde längst nicht mehr darin, "Ethnien" darzustellen. Deliss hat daher Gastkünstler aus der ganzen Welt hinzugezogen, damit diese einen frischen Blick auf die Sammlung werfen.

Einer von ihnen ist der belgische Künstler David Weber-Krebs. Er war fasziniert vom Ausmaß der gesammelten Schätze und wollte deren Geschichte erzählen, vom ersten bis zum letzten Objekt. Bei einer Sammlung von über 67.000 Artefakten, eine naive Vorstellung, erzählt Weber-Krebs. Er wählte daher 2000 Werke aus und fügte deren Beschreibungen zu einer Art Erzählung zusammen. Diese ziert nun die Wände eines Ausstellungsraums und erklärt die Bedeutung der Exponate.