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Die vergessenen schwarzen Opfer der Nazis

Harrison Mwilima
9. September 2021

Auch schwarze Menschen gehörten zu den Opfern des Nazi-Regimes in Deutschland. Bislang erinnert nur wenig an sie. Neue Stolpersteine sollen das ändern.

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Blumen liegen auf dem Stolperstein für Ferdinand James Allen.
Ein neuer Stolperstein erinnert nun an das Schicksal von Ferdinand James AllenBild: Harrison Mwilima/DW

"Afrikaner sind die vergessenen Opfer des nationalsozialistischen Deutschlands", sagt Marianne Bechhaus-Gerst. Ihre Verfolgung unter den Nazis werde definitiv "nicht genug betont", fügt die Afrikanistin hinzu.

Es ist schwer zu schätzen, wie viele schwarze Menschen tatsächlich in Deutschland lebten, als die Nazis 1933 die Macht übernahmen. Viele Afrodeutsche stammten ursprünglich aus den nur kurz währenden deutschen Kolonialgebieten in Afrika (1884-1920). Dabei handelte es sich um "eine vielfältige und immer noch recht mobile Bevölkerung", so Robbie Aitken, Professor an der Sheffield Hallam University. "Bereits um 1933 hatten einige schwarze Männer und ihre Familien Deutschland wegen des Aufstiegs der Nazis verlassen", so der Spezialist für deutsch-afrikanische Geschichte. 

Eine weitere wichtige Gruppe von Afrodeutschen wurde als "Rheinland-Bastarde" bekannt: Diese rassistische und abfällige Bezeichnung wurde von den Nazis geprägt für Kinder, deren Väter vermutlich Angehörige der französischen Armee afrikanischer Abstammung waren. Nach dem Ersten Weltkriegs waren einige von ihnen im Rheinland stationiert.

"Wenn wir die 600 bis 900 rheinischen Kinder mitzählen, gab es in der Region etwa 1500 bis 2000 schwarze Menschen, die wir als Einwohner bezeichnen können", sagt Aitken und fügt hinzu, dass viele weitere schwarze Männer und Frauen, die damals nur vorübergehend in Deutschland lebten, Künstler, Sportler oder Diplomaten waren.

Sie nannten sie die Kinder der Schande

In Deutschland sowie in einigen anderen europäischen Ländern gibt es mittlerweile mehr als 75.000 Stolpersteine - kleine Messingplatten, die in den Bürgersteig eingelassen sind, um an die Menschen zu erinnern, die Opfer des Nationalsozialisten wurden.

Doch bislang waren in Deutschland nur zwei dieser Stolpersteine schwarzen Opfern des nationalsozialistischen Regimes gewidmet. Jetzt wurden in Berlin zwei weitere Denkmäler zur Erinnerung an Martha Ndumbe und Ferdinand James Allen hinzugefügt.

Ende August verlegte Gunter Demnig, der Künstler, der die Idee zu den Gedenksteinen hatte, die Steine sorgfältig vor den letzten Häusern, in denen die Opfer lebten, bevor sie von den Nazis getötet wurden.

Martha Ndumbe starb im Konzentrationslager Ravensbrück

Die feierliche Veranstaltung begann in der Max-Beer-Straße 24, vor dem Haus, in dem Martha Ndumbe vor ihrer Inhaftierung lebte. Der Vater der 1902 geborenen Martha, Jacob Ndumbe, stammte aus Kamerun, während ihre Mutter, Dorothea Grunwaldt, eine Deutsche aus Hamburg war.

Jacob Ndumbe war zur Ersten Deutschen Kolonialausstellung nach Deutschland gereist und lernte in Berlin die Mutter seiner Tochter kennen. Nach dem Ende der Ausstellung blieb er in der deutschen Hauptstadt, in der dann auch Martha zur Welt kam.

Blumen liegen auf dem Bild vom Martha Ndumbes Stolperstein
Ihre Mutter stellte 1952 einen Wiedergutmachungsantrag - ohne Erfolg. Erst viele Jahre später erhält Martha Ndumbe nun eine WürdigungBild: Harrison Mwilima/DW

Als Martha in Berlin aufwuchs, war die soziale und wirtschaftliche Situation für die meisten schwarzen Menschen in Deutschland aufgrund von Diskriminierung prekär, so dass es für sie quasi unmöglich war, eine konventionelle Arbeit zu finden: "Um zu überleben, wandte sie sich der Prostitution und Kleinkriminalität zu", so Robbie Aitken von der Universität Sheffield, der die Verlegung der beiden neuen Stolpersteine initiiert hat.

Die Nazis sperrten sie als "asoziale Berufsverbrecherin" ein. Am 9. Juni 1944 wurde sie schließlich in das  Konzentrationslager Ravensbrück eingeliefert, wo sie am 5. Februar 1945 starb. 

Sterilisiert und ermordet: Ferdinand James Allen

Der zweite Stein, der an diesem Tag verlegt wurde, befand sich in der Torstraße 174, wo einst der 1898 geborene Ferdinand James Allen lebte.

Sein Vater, James Cornelius Allen, war ein britischer Musiker aus der Karibik und lebte in Berlin. Seine deutsche Mutter, Lina Panzer, stammte ebenfalls aus Berlin.

Auch Ferdinand kämpfte ums Überleben, denn die Möglichkeiten für schwarze Menschen waren begrenzt. Hinzukam, dass er an Epilepsie litt. Gemäß dem Gesetz der Nazis "zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" von 1933 wurde Ferdinand James Allen sterilisiert.

Laut Professor Aitken wurde er auch aufgrund seines Gesundheitszustands und seiner biologischen Verfassung am 14. Mai 1941 in der psychiatrischen Klinik in Bernburg im Rahmen der als "Aktion T4" bekannten Massenmordkampagne der Nazis durch unfreiwillige Euthanasie ermordet.

Mit den beiden neuen Stolpersteinen, die am 29. August verlegt wurden, verfügt Berlin nun über drei solcher Gedenkstätten für schwarze Opfer des Nationalsozialismus. Der erste wurde 2007 für Mahjub bin Adam Mohamed verlegt.

Mahjub bin Adam Mohamed wurde 1904 in Dar es Salaam, der heutigen Finanzhauptstadt Tansanias, geboren. Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte die Stadt zum deutschen Kolonialgebiet Deutsch-Ostafrika, das das heutige Tansania, Ruanda und Burundi mit einschloss. Mahjub bin Adam Mohamed war Kindersoldat in der deutschen Kolonialarmee und zog 1929, nur vier Jahre vor der Machtübernahme der Nazis, nach Berlin.

Schwarz-weiß Aufnahme von Mahjub bin Adam Mohamed
Mahjub bin Adam Mohamed, auch bekannt als Bayume Mohamed HusenBild: Sammlung Bechhaus-Gerst

Aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten und Diskriminierung musste Mahjub mehrere Jobs annehmen, unter anderem als Suaheli-Lehrer, als Hotelkellner und als Schauspieler in verschiedenen Kolonialfilmen.

Da er Beziehungen zu deutschen Frauen hatte, beschuldigten ihn die Nazis der "Überschreitung der Rassenschranken" und verfrachteten ihn 1941 in dasKonzentrationslager Sachsenhausen. Dort starb er am 24. November 1944.

Sein Gedenkstein befindet sich vor seinem letzten Wohnhaus in der Brunnenstraße 193 in Berlin.

Gedenksteine für schwarze Opfer

Die drei Gedenksteine befinden sich nicht weit voneinander entfernt, im Berliner Bezirk Mitte, wo laut Historiker Robbie Aitken die meisten schwarzen Berliner zu dieser Zeit lebten.

"Es waren vor allem arme schwarze Gemeinschaften, und selbst wenn sie Geld hatten, waren sie in anderen Vierteln nicht willkommen", betont der in Berlin lebende tansanische Aktivist Mnyaka Sururu Mboro.

Neben den drei Berliner Stolpersteinen für schwarze Verfolgte des Nationalsozialismus gibt es einen vierten in Frankfurt in der Marburgerstraße 9. Er erinnert an den 1889 geborenen Südafrikaner Hagar Martin Brown, der als Bediensteter einer Adelsfamilie nach Deutschland kam. Während des Dritten Reichs wurde er von Ärzten zur Erprobung medizinischer Chemikalien missbraucht, was 1940 zu seinem Tod führte.

Robbie Aitken am Mikrofon.
Robbie Aitken hält eine Rede während der Gedenkfeier zur Verlegung der neuen StolpersteineBild: Harrison Mwilima/DW

Ein fortlaufender Forschungsprozess

"Ich hoffe, dass es irgendwann mehr Stolpersteine geben wird", sagt Robbie Aitken. "Es gab eindeutig mehr schwarze Opfer, aber die Schwierigkeit besteht darin, konkrete, dokumentierte Beweise zu finden. Das ist schwierig, weil die Nazis die Akten vernichtet haben." Und, fügt er hinzu, die wenigen verbliebenen Dokumente sind ebenfalls schwer zu finden.

Indem er die Wiedergutmachungsansprüche schwarzer Opfer in der Nachkriegszeit untersucht, gelingt es dem Historiker allerdings immer noch, vergessene Fälle aufzudecken.

Dieser Text wurde von Annabelle Steffes-Halmer ins Deutsche adaptiert.