Vorbild für Geflüchtete | Presse | DW | 06.04.2021
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Presse

Vorbild für Geflüchtete

Mit 21 floh Bjeen Alhassan vor dem Krieg aus Syrien, sechs Jahre später erhielt sie den Nationalen Integrationspreis aus den Händen von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Heute engagiert sie sich für geflüchtete Frauen.

2011 war ein Jahr, das viele Syrerinnen und Syrer nie vergessen werden. Der Ausbruch des Kriegs in meiner Heimat hat einen demographischen Wandel ausgelöst. Bildung für Kinder und Jugendliche hatte in der kurdischen Region in Nordostsyrien einen hohen Stellenwert. Dort, wo ich geboren bin, in Qamishli, gibt es keine staatliche Universität. Für mein Studium hätte ich in eine größere Stadt ziehen müssen wie zum Beispiel Aleppo oder Damaskus. Dies war durch den Krieg nicht mehr möglich.

Vor dem Krieg haben viele Frauen meist erst nach ihrer Ausbildung oder ihrem Studienabschluss geheiratet. Doch dann entschieden sich manche Syrerinnen früher für den sogenannten  "Safe Haven", den Schritt zur Heirat.

Auch 2015 war ein einschneidendes Jahr für viele syrische Bürger. Familien flohen vor dem Krieg nach Deutschland, darunter zahlreiche junge Frauen, die mit Mitte 20 bereits zwei bis drei Kleinkinder hatten – oder sie anschließend in Deutschland bekamen. Diese Frauen verfügten in vielen Fällen über einen Hochschulabschluss oder hatten nach der Schule zumindest einige Semester studiert.

Um geflüchteten Frauen den Start in der neuen Wahlheimat zu erleichtern, habe ich während des ersten Lockdowns in der Coronakrise meine Facebook-Gruppe "Lernen mit Bijin" gegründet. Ich wollte Frauen in ähnlichen Situationen, wie die meine damals, unterstützen. Durch die Pandemie war es vielen nicht möglich, Sprachkurse zu besuchen. Nun vermittle ich ihnen online auf Kurdisch und Arabisch die deutsche Grammatik. Die Resonanz hat mich überwältigt: Viele Frauen suchten eine Möglichkeit, Deutsch zu lernen, eine Ausbildung zu beginnen oder ihr Studium fortzusetzen. In Deutschland gibt es zwar viele Integrationsangebote, aber nur wenige finden den Zugang.

Ich wünsche mir, dass Frauen aus dem Nahen Osten so akzeptiert werden, wie sie sind. Eine deutsche Frau wird auch nicht verwundert gefragt: "Du wohnst allein. Darfst du das denn?!" Und Frauen wie ich möchten das genau so wenig. Wir wollen als Deutsche wahrgenommen werden, ein Teil dieser Gesellschaft sein und uns hier zuhause fühlen. Nur so verhindern wir Parallelgesellschaften. Ich bin Deutsche, trotz meiner Hautfarbe, meiner Religion und meiner Herkunft. Integration bedeutet nämlich nicht, die eigene Kultur aufzugeben – eine der Hauptsorgen von Familien aus dem Nahen Osten. Integration bedeutet, das Land, in dem man lebt, zu akzeptieren, zu respektieren und sich konstruktiv einzubringen.

Seit 2014 fliehen Menschen vor dem Krieg in Syrien. Viele Geflüchtete in Deutschland haben Deutsch gelernt, eine Ausbildung oder ein Studium absolviert und erste Arbeitserfahrung gesammelt. Sie tun sich leichter mit bürokratischen Hürden und Klischees und können so ein Vorbild für andere geflüchtete Menschen in Deutschland sein.

Die Entscheidung eines Jobcenter-Mitarbeiters oder der Agentur für Arbeit, die Finanzierung einer Weiterbildung abzulehnen, kann Geflüchteten die Zukunft verbauen. Und Betroffene wissen oft nicht, dass sie gegen diese Entscheidung Widerspruch einlegen können.

Wir brauchen mehr Solidarität. Unter Frauen und Männern. Das kann überall sein, auf der Straße, in der Universität oder in einer Behörde. Wir können in der Gesellschaft mehr Vertrauen aufbauen – und uns zu Hause fühlen. "Das ist nicht mein Problem" ist der ignoranteste Satz. Dieses Land ist unser (neues) Zuhause; Wenn wir zusammenhalten, können wir es zu einem besseren Ort machen. Mit Solidarität und Verständnis schaffen wir das.

Viele geflüchtete Frauen wünschen sich, nicht in Schubladen gesteckt zu werden. Eine selbstbewusste Frau kann viel zurückgeben und trägt dazu bei, eine starke Zukunft für unser Land mit aufzubauen.

Bjeen Alhassan

„Lernen mit Bijin“ – in ihrer während des Corona-Lockdowns gegründeten Facebook-Gruppe hilft Bjeen Alhassan arabisch- und kurdischsprachigen Frauen bei der Integration in Deutschland.

Bjeen Alhassan

wurde 1992 in Qamishli, einer kurdischen Stadt in Nordostsyrien, geboren. Von 2010 bis 2013 absolvierte sie an der Universität Damaskus ihren Bachelor in Wirtschaft. 2014 flüchtete sie mit 21 Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland. Hier hat sie Deutsch gelernt und ihren Master in Business Management auf Deutsch absolviert.