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Wagner, Speer, Bechstein: Hitlers kulturelle Helfer

Gaby Reucher
21. Juli 2023

Kulturschaffende wie die Familie Wagner aus Bayreuth haben Adolf Hitler schon lange Jahre vor der Machtübernahme 1933 den Weg geebnet. Sie sorgten für Hitlers Akzeptanz in der bürgerlichen Gesellschaft.

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Hitler in Uniform zwischen Winifred und Wieland Wagner
Bayreuther Festspiele-Fan Adolf Hitler mit Winifred Wagner und ihrem Sohn Wieland Bild: akg-images/picture-alliance

Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan oder der Bildhauer Arno Breker: Sie alle machten Karriere im Fahrwasser der Nationalsozialisten, nachdem Adolf Hitler 1933 an die Macht kam - und er sonnte sich im Glanz ihrer Werke. 

Andere bekannte Namen aus der Kulturszene hatten Hitler schon lange Jahre vorher hofiert. Der Kunstverleger Hugo Bruckmann und seine Frau Elsa gehörten zu den ersten, die Adolf Hitler 1924 offiziell in ihr Haus einluden. In ihren "Salon", wo sich vor dem Ersten Weltkrieg Intellektuelle verschiedenster Religionen und Meinungen zum geistigen Austausch getroffen hatten, kamen in den 20er-Jahren vor allen Dingen deutsch-nationale Konservative, die gegen die Demokratie und die Weimarer Republik wetterten.

Mit dabei Hitlers späterer Star-Architekt Albert Speer, aber auch das Ehepaar Winifred und Siegfried Wagner, die die Bayreuther Festspiele leiteten. Elsa Bruckmann bot all jenen ein Forum, die der Kaiserzeit nachtrauerten und unter der Wirtschaftskrise oder der Schmach des verlorenen Ersten Weltkriegs litten.

Schwarz-weiß Aufnahme des vollbesetzten Zirkuszelts
Der Zirkus Krone gab Hitler eine Plattform, um seine Reden zu halten Bild: Everett Collection/picture alliance

Hitler und die Macht des Wortes

"Die Sehnsucht nach einem Messias war groß und die Hoffnung des Großbürgertums lag auf Hitler", erläutert Sven Friedrich, Direktor des Richard Wagner Museums in Bayreuth. Hitler hatte Elsa Bruckmann und viele andere mit seinen agitatorischen Reden und seinen Visionen von einem neuen großen Deutschland begeistert. Das Ehepaar unterstützte den Anführer der Nationalsozialistischen Partei mit Geld, und Elsa Bruckmann gefiel es, ihn standesgemäß einzukleiden. Durch sie bekam er auch den nötigen Kontakt zu Großindustriellen.

Adolf Hitler fühlte sich wohl in diesen Kreisen. "Er hatte ja keine besondere Bildung genossen und sich mehr schlecht als recht als Kunst- und Postkartenmaler in Wien durchgeschlagen. Er hatte keine besondere Erziehung und Herkunft, das musste er sich alles erst aneignen", erläutert Sven Friedrich im Gespräch mit der DW.

Hitlerfreundin Winifred Wagner

Auch Winifred Wagner, die Schwiegertochter des Komponisten Richard Wagner, gehörte zu Hitlers Unterstützerinnen. "Winifred war begeistert von Hitler aufgrund seines Sendungsbewusstseins und seiner ausgeprägten Verehrung für Wagners Musik", sagt Wagner-Experte Sven Friedrich. Von Anfang an habe er ihr versprochen, dass er sich um die Bayreuther Festspiele kümmern würde, wenn er in Deutschland einmal etwas zu sagen hätte.

Schwarz-weiß Fotografie von Winifred Wagner und Adolf Hitler
Eng befreundet: Winifred Wagner und Adolf HitlerBild: dpa/lby/picture-alliance

Zwischen den beiden entwickelte sich schnell eine Freundschaft. Zeitweise lebte Adolf Hitler bei den Wagners in deren Villa. Zur Familie gehörte auch Houston Stewart Chamberlain, englischer Rassentheoretiker, Antisemit und ein Vordenker der nationalsozialistischen Bewegung. Er war mit Richard Wagners Tochter Eva verheiratet. "Für Hitler war Chamberlain ein Idol", sagt Sven Friedrich.

Treue zu Hitler trotz Münchner Putschversuch 

In München versuchten die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler 1923 erfolglos, die Regierung der Weimarer Republik mit Waffengewalt zu stürzen. Hitler wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt, die er im Frühjahr 1924 in der Festung Landsberg antrat und aus der er schon Ende des gleichen Jahres vorzeitig wieder entlassen wurde. 

„Diese Festungshaft in Landsberg war mehr ein Hausarrest, wo man es sich mit Gesinnungsgenossen gut gehen ließ", sagt Friedrich. Auf der Besucherliste sind die Wagners zwar nicht zu finden, aber sie hielten regen Briefkontakt zu Hitler. Winifred Wagner schickte ihm Süßigkeiten und Schreibpapier ins Gefängnis. Auf diesem Papier hat Hitler sein Buch "Mein Kampf" angefangen. Elsa Bruckmann bot sich später als Lektorin für die zweite Auflage an.

Tatkräftige Geldgeber: Helene und Edwin Bechstein

Neben dem Namen von Elsa Bruckmann findet man auf der Besucherliste der Festungshaft auch die Namen Helene und Edwin Bechstein. Die Klavierbaufirma Bechstein, 1853 von Carl Bechstein gegründet, war ein deutsches Traditionsunternehmen. "Bis zum Krieg spielten die meisten bedeutenden Pianisten auf einem Bechstein Klavier oder Flügel", sagt der Musikwissenschaftler und Kulturmanager der Firma Bechstein, Gregor Willmes. Die Inflation in den 1920er-Jahren machte der Firma schwer zu schaffen.

Plakat im Jugendstil gemalt mit einer Frau am Flügel sitzend.
Die Klavierbaufirma Carl Bechstein war im Kaiserreich Hoflieferant Bild: akg-images/picture alliance

 

Edwin, einer der Söhne von Carl, hatte sich schon früh auszahlen lassen und verfügte über ein gewisses Vermögen. Das Ehepaar unterstützte Hitlers Vorhaben, und wie die Wagners beherbergte es Hitler zeitweise ebenfalls in seiner Villa.

In Hitlers Gunst

Die Bayreuther Festspiele standen unter Hitlers persönlichem Schutz, da die Wagners ihn immer unterstützt hatten. "Er hat sich so revanchiert, dass Bayreuth unendliche Zuschüsse bekommen hat", sagt Museumsleiter Sven Friedrich. Die Nationalsozialisten sorgten dafür, dass die Aufführungen als "Kriegsfestspiele" noch bis 1944 weitergingen.

Mit Beginn des 2. Weltkriegs wurden Hitlers Besuche bei den großbürgerlichen Damen seltener. Elsa Bruckmann distanzierte sich von Hitler wegen seiner Gräueltaten bei der Judenverfolgung und im Krieg. Ihre nationalistische Gesinnung soll sie aber bis zu ihrem Tod 1951 beibehalten haben.

Entnazifizierung nach 1945?

Winifred Wagner blieb auch nach dem Krieg glühende Hitler- und Nationalsozialismus-Anhängerin. Sie musste - wie auch ihr Sohn Wieland, der eng an Hitlers Seite gestanden hatte - ein sogenanntes Entnazifizierungs-Verfahren durchlaufen. Ihr Amt als Festspielleiterin in Bayreuth durfte sie nicht weiterführen. Mit ihren alten Freunden aus Nazi-Zeiten hat sie sich weiterhin getroffen.

Hitlers Architekt Albert Speer wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt. Andere Kulturgrößen wie der Bildhauer Arno Breker oder die Dirigenten Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan kooperierten zwar mit Hitler, wurden von den Alliierten aber letztendlich als "Mitläufer" eingestuft und konnten ihre Tätigkeit nach einiger Zeit mit Erfolg wieder aufnehmen. Auch Breker fertigte Werke im Auftrag der Bundesregierung an. Der Dirigent Friedrich Furtwängler wurde bei seinen Tourneen mit den Berliner Philharmoniker in Europa gefeiert, und Wieland Wagner, der mit seinem Bruder Wolfgang die Leitung der Bayreuther Festspiele übernahm, führte mit Lichteffekten und kargen Bühnenbildern eine neue Ästhetik ein. Er wurde als großer Bühnenerneuerer gefeiert.

Schwarz-Weiß-Foto eines Gebäudes mit Säulen, davor steht eine Pferdeskulptur
Hitlers Reichskanzlei in Berlin wurde von Albert Speer gebautBild: akg-images/picture alliance

Umgang mit der Vergangenheit

Helene und Edwins Bechsteins Nähe zu Hitler hatte nach dem Krieg auch dem Ansehen der Klavierbaufirma geschadet. Den Namen hat man trotzdem beibehalten. "Wir tragen den Namen natürlich wegen Carl Bechstein, der eine bedeutende Persönlichkeit war und Kunst und Kultur gefördert hat, aber wir sind uns dieser unrühmlichen Geschichte um Helene und Edwin bewusst", sagt Kulturmanager Gregor Willmes. Heute arbeitet die Firma mit vielen jüdischen und palästinensischen Pianisten und Pianistinnen aus Israel zusammen und unterstützt musikalische Projekte, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen. Von der Bechstein-Familie selbst ist niemand mehr im Unternehmen. 

Bild vom Festspielhaus mit Blumenbeeten davor.
Das Bayreuther Festspielhaus heuteBild: Medana Weident/DW

Das Bayreuther Festspielhausist nicht mehr im Besitz der Familie Wagner, sondern wird von der öffentlichen Richard-Wagner-Stiftung erhalten. Und Intendantin Katharina Wagner, Enkelin von Winifred Wagner, stellte sich der nationalsozialistischen Vergangenheit ihrer Familie. Ihr Ziel von Anfang an: die Festspiele in eine moderne Zeit zu führen.