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Brasiliens Kampf gegen moderne Sklaverei

31. Juli 2023

Mit verschärften Kontrollen und hohen Bußgeldern will Brasiliens Präsident Lula sklavereiähnliche Arbeitsbedingungen bekämpfen. Erst im März befreiten Inspekteure 85 Arbeiter von Reisfarmen des Chemiekonzerns BASF.

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Brasilien Farmen Santa Adelaide und Sao Joaquim in Rio Grande do Sul
Kontrollvisite: Arbeitsinspektoren sprechen auf den BASF-Reisfarmen mit den ArbeiternBild: Ministério do Trabalho e Emprego (MTE) / Ministério Público do Trabalho (MPT)

Es war ein unglaublich heißer Vormittag, erinnert sich Aline Galvão, als sie und ein Kollege in Begleitung der Polizei eine Reisfarm im südbrasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul kontrollierten. Sie wollten überprüfen, ob die Beschwerden, die sie per Telefon erreicht hatten, stimmten.

Aline Galvão ist Arbeitsinspektorin für die Region Uruguaiana 630 Kilometer von der Stadt Porto Alegre entfernt und hat schon viel gesehen. Doch an diesem Märztag befreiten sie und ihre Kollegen so viele Arbeiter auf einmal wie noch nie, nämlich 85 Männer, von sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen.

Auf der Farm "Santa Adelaide" trafen sie einige Dutzend Arbeiter an, die gerade Mittagspause gemacht haben. Sie erfuhren, dass eine zweite Reisfarm ganz in der Nähe demselben Besitzer gehört, forderten Verstärkung an und schickten dort ebenfalls Kollegen hin. 

Neue Kampagne gegen Zwangsarbeit

Die Befreiung der Arbeiter im März dieses Jahres sorgte in Brasilien für öffentliches Aufsehen - auch, weil mit BASF ein bekannter deutscher Konzern involviert war. Doch eine Ausnahme sind solche Arbeitsbedingungen in dem südamerikanischen Land leider nicht - gerade im Landwirtschaftssektor oder etwa im Bereich der Hausangestellten.

So wurden im vergangenen Jahr mehr als 2500 Menschen aus menschenunwürdigen Beschäftigungsverhältnissen befreit. In diesem Jahr waren es bis Mitte Juni bereits über 1400.

Diese Zahlen lassen ahnen, wie groß das Problem der sklavenähnlichen Arbeit in Brasilien noch immer ist. Die Regierung unter dem linken Präsidenten Lula da Silva verkündete deshalb Mitte Juni den Start einer neuen Kampagne,mit der Zwangsarbeit, unverhältnismäßige Arbeitszeiten sowie Einschränkungen der (Bewegungs-)Freiheit wegen angeblicher Schulden bei Arbeitgebern künftig intensiver und koordinierter bekämpft werden sollen.

Brasilien Farmen Santa Adelaide und Sao Joaquim in Rio Grande do Sul
Pause am Feldrand in der brütenden MittagshitzeBild: Paulo Ricardo Correa Guimarães

Auf der Reisfarm in Uruguaiana waren die Zustände schlimmer als erwartet. "Die Arbeiter aßen auf dem dreckigen Boden, es gab bei Temperaturen um die 40 Grad kaum Schatten", erklärt Arbeitsinspektorin Aline Galvão im DW-Gespräch.

"Für ihr selbst mitgebrachtes Essen gab es nirgendwo eine Möglichkeit zur Lagerung, so dass es teilweise bis mittags schon verdorben war und weggeschmissen werden musste."

Keine Toiletten, kein Trinkwasser

Galvão und ihre Kollegen fanden auch elf Minderjährige unter den Arbeitern vor. Sanitäre Anlagen oder auch nur fließendes Wasser gab es nicht. Einer der geretteten Arbeiter, Delmar dos Santos da Silva, erzählt der DW: "Wir haben auch oft Messer von zuhause mitgebracht. Es gab nicht genug Werkzeuge, um Unkraut zu schneiden." 

Dass sie überdies informell beschäftigt waren, war zu dem Zeitpunkt weder ihm bewusst noch Paulo Ricardo Correa Guimarães, dem zweiten Arbeiter, mit dem die DW gesprochen hat. "Es war alles mündlich abgemacht, wir haben nie irgendwelche Dokumente zeigen müssen", so Guimarães.

Brasilien Farmen Santa Adelaide und Sao Joaquim in Rio Grande do Sul
Arbeiter Delmar dos Santos da Silva benutzt sein Messer von zuhause fürs UnkrautschneidenBild: Delmar dos Santos da Silva

Während auf der ersten Farm Personen aus der Umgebung arbeiteten, die abends wieder nach Hause gebracht wurden, war ein Teil der Arbeiter auf der zweiten Farm namens "São Joaquim" auf dem Grundstück untergebracht.

"Die Unterkunft war völlig unangemessen und entwürdigend", sagt Inspekteurin Galvão, sie habe aus dreckigen Matratzen auf dem blanken Boden bestanden. 

Auf "São Joaquim" gehörte es auch zu den Aufgaben der Arbeiter, Pestizide auszubringen. Die Arbeitsinspekteure stellten fest, dass diese unzureichend gesichert waren und unter einer Plane lagerten. Die Arbeiter verbrachten ihre Mittagspause sitzend auf den Kanistern und trugen keinerlei Schutzkleidung, wenn sie die Pflanzen mit dem Gift behandeln.

Brasilien Farmen Santa Adelaide und Sao Joaquim in Rio Grande do Sul
Pestizid-Container lagern zusammen mit Kochtöpfen und anderen UtensilienBild: Ministério do Trabalho e Emprego (MTE) / Ministério Público do Trabalho (MPT)

BASF verweist auf Subunternehmer

Wer ist für diese sklavereiähnlichen Zustände verantwortlich? Laut brasilianischem Arbeitsministerium (MTE) ist der deutsche Chemiekonzern BASF "der tatsächliche Arbeitgeber auf den Reisplantagen". Gegenüber der DW erklärt die Behörde: BASF sei Saatgutlieferant gewesen und habe die verschiedenen Anbauphasen überwacht.

"Die für BASF tätigen Agronomen übernahmen auch die Ausbildung der Arbeiter. Die Eigentümer der Grundstücke verpachteten ihr Land an die BASF, und die geretteten Arbeitskräfte wurden von Dritten im Auftrag von BASF-Vertretern angeheuert, die auch für die Entlohnung der Arbeitskräfte verantwortlich waren."

Auch der ehemalige Farmarbeiter Delmar dos Santos da Silva erklärte: "Wir haben die BASF-Angestellten ständig gesehen. Sie waren es, die uns Anweisungen gegeben haben."

"Tiefes Bedauern"

BASF selbst gibt sich geschockt, als die Arbeitsbedingungen auf den Reisfarmen bei Uruguaiana im März publik wurden. Auch auf Anfrage der DW im Juli erklärt der Konzern, man bedauere zutiefst, wie die Arbeiter behandelt worden seien.

Brasilien Farmen Santa Adelaide und Sao Joaquim in Rio Grande do Sul
Dreckige Matratzen auf dreckigem Untergrund: Auf der Farm "Sao Joaquim" sind die Unterkünfte äußerst prekär Bild: Ministério do Trabalho e Emprego (MTE) / Ministério Público do Trabalho (MPT)

Deren Verbindung zum Unternehmen wird wie folgt beschrieben: "BASF hatte mit den betroffenen Betrieben Verträge über die Produktion von kommerziellem Reissaatgut geschlossen. Die betroffenen Arbeiter arbeiteten nicht direkt für BASF oder für einen unserer direkten Auftragnehmer, sondern für Subunternehmer unseres Auftragnehmers. BASF hatte keine vertraglichen Beziehungen zu diesen Subunternehmern."

Nach dem Bekanntwerden der Vorfälle im März wandte sich der Konzern an die Behörden. In einem Statement dazu heißt es, die Firma habe "proaktiv die brasilianischen Behörden informiert, um zur Aufklärung des Falles beizutragen und Präventionsmaßnahmen und Kontrollen zu verstärken".

Erbe der Sklaverei

BASF hat zudem im Mai im Rahmen einer sogenannten Vereinbarung zur Verhaltensanpassung (TAC) einer Zahlung von umgerechnet 1,73 Millionen Euro mit der für Arbeitsrecht zuständigen Staatsanwaltschaft (MPT) zugestimmt.

Von der vereinbarten Zahlung sollen 1,25 Millionen Euro in soziale Projekte gehen, die sich gegen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen richten. Außerdem will BASF einen Pickup im Wert von 96.000 Euro anschaffen, der bei Arbeitskontrollen eingesetzt werden kann. Rund 4.500 Euro Entschädigung gehen jeweils an die 85 Arbeiter. Dazu kommen weitere Bußgelder und Abfindungszahlungen.

Doch ob mit oder ohne Abfindung: "Zur Wahrheit gehört auch, dass befreite Arbeiterinnen und Arbeiter schnell wieder in ähnlich prekären Arbeitsverhältnissen landen - manchmal sogar bei genau demselben Arbeitgeber, von dem sie befreit worden sind", weiß Inspektorin Aline Galvão. Denn oft sei die einzige Wahl, die Menschen aus armen Verhältnissen und ohne Bildung hätten: sich ausbeuten zu lassen oder zu hungern.

Für Arbeitsinspektorin Aline Galvao gehört diese strukturelle Benachteiligung zum Erbe der Sklaverei. "Die Sklaverei wurde in Brasilien zwar vor gut 130 Jahren formell abgeschafft", so Galvao. "Aber die Mentalität lebt fort, etwa im Verhalten von Arbeitgebern und Unternehmern, die Arbeiter wie eine Sache, wie ihr Eigentum behandeln."

Delmar dos Santos da Silva hofft, dass es durch den Druck von Politik und Gesellschaft in Zukunft weniger sklavenähnliche Arbeitsbedingungen in Brasilien geben wird: "Ich denke vor allem an meine Kinder und Enkel. Ich will nicht, dass sie solche Jobs annehmen müssen wie ich."

DW Fact Checking-Team | Ines Eisele
Ines Eisele Faktencheckerin, Redakteurin und AutorinInesEis